Es geht um Neurodivergenz, natürlich schau ich den Vortrag auch und ehrlicherweise bin ich schon wieder extrem enttäuscht darüber, wie über Neurodivergenz gesprochen wird... Ich drösel n paar Aspekte mal laufend hier drunter auf:
Wenn man sagt "Tourette, das kennen manche bestimmt aus Filmen" dann hat das denselben Vibe wie "Elefanten, die kennen Sie bestimmt aus dem Zoo"... Diese Leute existieren, real. Nicht nur in Filmen. Dass viele von uns keine Menschen mit Tourette um sich haben, im Alltag, beim Sport, auf der Arbeit, dann ist das einfach nur ein Zeichen dafür, wie stigmatisiert Tourette ist und wie wenig Betroffene in der Öffentlichkeit stattfinden. Das ist ein strukturelles Problem und sollte so benannt werden.
Komorbiditäten zu betrachten ist richtig und wichtig. Das heißt aber nicht, dass die "gemischt" auftreten oder, "oft hat man bei ADHS auch noch n bisschen Autismus dabei oder umgedreht". Man kann nicht ein bisschen autistisch sein, wir sind nicht alle ein bisschen autistisch, das wäre ein absurdes Missverständnis von dem was Spektrum hier überhaupt meint. Man ist autistisch oder man ist nicht autistisch, dafür gibt es recht klare Diagnosekriterien
"Bewegungstourette ist bei Menschen mit ADHS relativ weit verbreitet" - okay, gibt's dafür ne Quelle? Ich hätte zB die hier aus dem Jahr 2002, die zu dem Schluss kommt, dass im untersuchten Sample von allen Personen mit ADHS knapp 2.3% auch eine Tic-Störung haben. (Bei Jugendlichen 15.1%, dort sind die Raten von Tic-Störungen aber generell und unabhängig von ADHS höher)
Eine weitere Studie zur Komorbidität von ADHS und Chronic Tic Disorders (CTD) bei Kindern, die besagt, dass 7-jährige-Kinder mit ADHS 4.1 Mal so häufig CTD haben wie die Kontrollgruppe und mit 10 Jahren ca 5.9 Mal so häufig.
Das lässt aber keine Aussage über die absolute Verbreitung zu, außerdem sind Tic-Störungen bei Grundschulkindern deutlich häufiger prävalent als bei Erwachsenen. Warum kommen Leute in Fachvorträgen mit solchen Aussagen einfach durch?
In Ländern, in denen Spektrumsstörungen anerkennt sind, seien ca. 3% der Bevölkerung betroffen, Hochrechnungen gehen aber von 30% der Weltbevölkerung aus. Quelle? Keine. Warum das so wäre: Weil das in asiatischen Ländern so schwierig sei. Hä? Die Prävalenz von Autismus in Deutschland liegt derzeit bei ca 1%. Die Prävalenz von Autismus liegt in China bei ca 1%. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6394100/ Ich raff gar nichts davon. Wenn wir von relativen Bezügen sprechen und sagen, jo, 3% der deutschen Bevölkerung sind betroffen, warum sollten es weltweit plötzlich 30% sein? Wo sind die Länder, die den Schnitt so weit hochreißen (weil again: wir reden ja nicht von absoluten Zahlen)? Lasst mich da hin!!!! Vielleicht gibt's da bessere Vorträge.
Der dargestellte Zusammenhang zwischen mütterlicher Endometriose und kindlichem Autismus aus diesem Vortrag ist schlichtweg gelogen. Eine Studie aus 2025 hat KEINEN signifikanten Zusammenhang gefunden. Ich finde das absolut krass. Es steht hier literally: "Logistic regression analysis revealed no significant association of maternal endometriosis with ASD in their children". KEIN Zusammenhang
Wie kommt man dazu sich da hinzustellen und selbstbewusst einfach zu behaupten, dass Endomitrose (bra...) eine mögliche Ursache für Autismus ist? Das ist NICHT okay!
Endometriose ist mittlerweile auch keine Erkrankung von Frauen mehr, es gibt erste Fälle von Männern mit EndoMETRIOSE:
Der angegebene Link zur vermeintlichen Quelle führt übrigens in's 404-Nichts, generell: Leute, geht's euch gut? Es gibt Tools im Netz, die euch vernünftige und NACHVOLLZIEHBARE (wissenschaftliche) Quellenangaben generieren. Einfach n Link in ne Powerpoint hauen? Das doch Murks.
ADHS hat ne starke erbliche Komponente, so weit okay, und alle Betroffenen "kennen bestimmt irgendwie den Oppa, der immer völlig durchgeknallt war". Ja, kann man sich sprachlich natürlich für entscheiden, das so zu formulieren, auch für "die Verwandtschaft, die irgendwie verrückt war", generell würd ich mir für (und ich glaube das soll das hier sein?) Fachvorträge aber wünschen, dass hier klar wird, dass das Dinge sind, die von außen zugeschrieben sind und "Durchgeknalltheit" ist halt kein Diagnosekriterium für ADHS. Ich hab den Eindruck, dass Leute in solchen Vorträgen oft nahbar wirken wollen und deswegen zu solchen sprachlichen Mitteln greifen, letztlich macht es aber nichts anderes als schädliche Stereotype zu reproduzieren.
Langsam weiß ich auch nicht mehr weiter. Der Wirkstoff, den man bei ADHS gibt, der heißt NICHT Methylamphenidat. Er heißt Methylphenidat. Methylamphetamin ist Crystal Meth, ich hoffe irgendwie, dass keiner von euch das versehentlich auf Rezept kriegt, weil eure Psychiater die irgendwie auch nicht richtig auseinanderhalten können.
@bommel Methamphetamin wird tatsächlich neben Methylphenidat und (Lisdex-)Amphetamin auch für die Behandlung von ADHS verordnet, mindestens in den USA und in Österreich wohl auch.
@bommel Das meinte ich auch überhaupt nicht. Du sagtest (paraphrasiert) "ich hoffe Methamphetamin bekommt keiner von euch für ADHS verschrieben" und das spricht halt Leuten den medizinischen Nutzen auch dieser Substanz ab.
@fugi Ne, das hab ich eben nicht gesagt. Ich hab gesagt ich hoffe das bekommt niemand versehentlich auf Rezept, weil deren Psychiater*innen das nicht auseinanderhalten können - it’s a joke. Ich hab über den medizinischen Nutzen überhaupt keine Aussage getroffen.
@bommel Ich finde schon, dass es eine Aussage über den medizinischen Nutzen trifft, wenn mensch in dieser Form "Den Wirkstoff, den man bei ADHS gibt" einer Straßendroge gegenüberstellt, die als reiner Wirkstoff aber tatsächlich auch bei ADHS gegeben wird. Deswegen wollte ich das einfach als Fakt am Rande beisteuern. Das sollte weder Kritik an dir sein, noch eine Diskussion starten. Genauso wenig ändert es natürlich was daran, dass das was die Person im Vortrag von sich gegeben hat, gröbster Unsinn ist.